Zugegeben – der gewählte Titel dieses Textes klingt paradox. Wenn jemand oder etwas für tot erklärt wird, nützt in der Regel jedes Wiederbeleben nichts mehr. Tot ist und bleibt tot, zumindest hier auf Erden.
Dennoch möchte ich die Tage des Totengedenkens an Allerheiligen und Allerseelen zum Anlass nehmen, um über den Tod nachzusinnen und ihn in diesem Sinne «wiederzubeleben». Dies losgelöst vom Glauben oder der Hoffnung, was uns nach unserem Tod erwartet. Es geht mir um die zwischenmenschliche Perspektive. Welchen Platz räumen wir dem Tod ein, wie sprechen wir darüber, wie feiern wir Abschied von Menschen, die von uns gegangen sind?
Aus dem Alltag verdrängt
Wenn ich mich an Erzählungen älterer Menschen erinnere, scheint es mir, dass wir den Tod aus unserem Alltag zu verdrängen suchen. Das Aufbahren zu Hause, das gemeinsame Gebet bei der verstorbenen Person, Kinder, die das Spiel unterbrechen, um zu schauen, wer gerade in der Aufbahrungshalle liegt, um danach unbekümmert weiterzuspielen, die Prozession zum Friedhof, die öffentliche Trauerfeier und das Leichenmahl – all das sind Schilderungen, die ich gehört aber nur noch teilweise selbst erlebt habe.
Fanden Trauer und Abschied einst öffentlich statt, entwickelt sich der Umgang mit dem Tod zusehends zu einer privaten Angelegenheit.
Gewiss, dadurch entsteht ein geschützter Rahmen; der Zeitpunkt der Beisetzung wird genau geplant und Tränen der Trauer sind keinen fremden Blicken ausgesetzt. Zugleich geht dadurch vieles verloren.
Wenn die Zeit stillsteht
Der Tod einer geliebten Person darf uns auch heute aus unserem Alltag herausreissen. Es dürfen alle Uhren stillstehen und Termine abgesagt werden. Ich möchte dazu ermutigen, den Tod «wiederzubeleben»; ihn wieder mehr in die Öffentlichkeit zu verlagern und damit auch der Trauer den Platz einzuräumen, die sie einnehmen darf.
In der gemeinsamen Trauer entsteht Gemeinschaft, und Gemeinschaft trägt. Personen, die sich zu einer öffentlichen Trauerfeier versammeln, können den Hinterbliebenen allein durch ihre Anwesenheit Halt verleihen. Zugleich sind wir Menschen in ein Netzwerk von Beziehungen eingebunden, das üblicherweise über die Familienbande hinausreicht. Eine öffentliche Trauerfeier bietet nicht nur den nächsten Angehörigen, sondern allen die Möglichkeit, sich von dem oder der Verstorbenen zu verabschieden.
Gemeinschaft verleiht Halt
Mein Plädoyer für die «Wiederbelebung» des Todes ist letzten Endes auch ein Plädoyer für etwas grundlegend Menschliches. In einer Gesellschaft, in der wir uns gerne von der schönsten Seite zeigen, möchte ich daran erinnern, wie menschlich es ist, traurig zu sein. Wie menschlich es ist, beim Verlust eines geliebten Menschen zu weinen. Und wie menschlich es ist, wenn Trauernde in solchen Momenten nicht allein sein müssen, sondern von der Gemeinschaft gestützt werden.
Bestimmt kennen Sie das Sprichwort «Geteilte Freude ist doppelte Freude – aber geteiltes Leid ist halbes Leid.» In diesem Sinne hoffe ich, dass Sie in schweren Momenten des Abschieds die Erfahrung machen, Ihr Leid und Ihre Trauer auf viele Schultern verteilen zu dürfen und sich getragen zu fühlen. Es ist das tragende Netz unserer Gesellschaft, das Sie in Ihren schwersten Stunden mitträgt.
Marianne Bolt
Bilderklärung
Beim Hauptportal des Friedhofs Einsiedeln wurde die menschliche Endlichkeit im Jahr 1932 vom Einsiedler Bildhauer Albert Kürzi in den Stein gehauen. Das linke Relief zeigt in der Mitte den Tod – ein in ein Tuch gehülltes Skelett –, der Menschen unabhängig von Alter, Geschlecht oder Stand durch die Himmelspforte führt.