Gott gab ihr das nötige Vertrauen
Die Fakten, von Einsiedeln aus das Ziel Jerusalem nach 5000 Kilometern und elf Monaten und der Durchquerung von zwölf Ländern zu Fuss erreicht zu haben, ist das Eine, das Bedeutendere für Rosanna Brusadelli war jedoch das Erlebnis mit all den bereichernden Begegnungen unterwegs auf dem abenteuerlichen Weg.
Es war am vergangenen Montagabend während mehr als einer Stunde mäuschenstill im Saal des Pfarreiheims St. Wolfgang, hörten doch alle Anwesenden völlig gebannt zu, was die 73-jährige, in Baar wohnhafte Rosanna Brusadelli über ihre lange Pilgerreise an den wichtigsten Ort des Christentums erzählte und vorlas. Mit warmer, angenehmer Stimme nahm sie die Besucher in Wort und Bild mit auf ihre lange Reise, einfach ohne Wanderschuhe, wie sie schmunzelnd meinte.
Die sympathische Baslerin führte zu Beginn kurz aus, weshalb sie überhaupt auf die Idee gekommen und was der Sinn sei, dieses Ziel anzustreben. Sie habe nach einer Dokumentation realisiert, dass Wandern nicht dasselbe wie Pilgern sei, dieser innere Weg oder die Reise zu sich selbst. So habe sie erstmals eine rund 30 Kilometer lange Wallfahrt von Baar nach Einsiedeln unter die Füsse genommen und eine eigentliche Sehnsucht nach Frieden gespürt. Dies hat sie zu Pilgerreisen nach Santiago de Compostela, Rom und auf den Pilgerweg von Oslo nach Trondheim geführt. Während langer Zeit reifte in ihr der Plan, via den Balkan und nicht auf offiziellen Strassen, sprich auf einer nirgends eingetragenen Route, zu Fuss Jerusalem zu erreichen. Da niemand mit ihr dieses verrückte Vorhaben teilen wollte, ging sie, ohne sich Druck aufzusetzen, los, im grossen Vertrauen darauf, dass Gott sie auf diesem Weg begleitet und führt. Ihr Ausgangspunkt war schliesslich das Kloster Einsiedeln, wo sie sich den ersten Pilgerstempel holte.
Es sind alles Menschen
Via Österreich, Ungarn, Serbien, Kosovo, Mazedonien und Griechenland wurde die Türkei erreicht, wo die ausgebildete Pflegefachfrau drei Monate unterwegs war. Da Syrien gesperrt war, flog sie nach Jordanien, um dann vorbei am Toten Meer Jerusalem zu erreichen. Was hier so locker im Zeitraffer daher kommt, war jedoch eine monatelange Pilgerreise mit unglaublich vielen positiven Erlebnissen und Begegnungen, aber auch einigen negativen Begebenheiten.
So spürte man in all den Erzählungen, aber auch in den vorgelesenen Ausschnitten aus dem von der bescheidenen Frau während Corona über diese Erfahrung verfassten Buch, die Liebe zu den unterschiedlichsten Menschen, die sie auf diesem langen Weg getroffen hatte, egal welcher Religion sie angehörten und welche Vorurteile ihnen vorausgingen.
Sie betonte denn auch die so oft überraschende, extrem grosszügige Gastfreundschaft, gerade von Leuten, die sozusagen selber nichts hatten und ihr alles gaben oder ihr das Zimmer überliessen und selber auf dem Sofa schliefen. Veranschaulicht und dokumentiert wurden diese Aussagen mit zahlreichen, eindrücklichen Fotos, welche die Unermüdliche überall geschossen hatte. So kam es in jedem Land zu bereichernden Begegnungen mit Jung und Alt, zumal sie sich in jeder Landessprache einen einfachen Grundwortschatz aneignete, um zumindest grüssen, sich vorstellen, ihr Ziel Jerusalem mitteilen und vor allem um sich bedanken zu können, unterstützt durch Gesten – und der Translator App sei Dank! Die wichtigste Sprache sei aber jene des Herzens gewesen, wie sie schlicht, aber bestimmt ergänzte.
Mentale und körperliche Herausforderungen
Das Handy mit GPS und verschiedenen Karten-Apps war denn auch auf dem ganzen Weg ein unverzichtbares Hilfsmittel. Da sie Richtung Jerusalem möglichst auf Wegen in der Natur pilgern wollte, diese aber noch nie zuvor von jemandem für dieses Ziel begangen worden waren, musste sie auch hinnehmen, dass sie immer wieder einmal unverrichteter Dinge umkehren und eine neue Route wählen musste. Doch habe sie auch dies mit Gelassenheit annehmen können, da Zeit für sie ganz andere Dimensionen bekommen habe. Dafür können sich jetzt zukünftige Jerusalem-Pilger freuen, dass sie sich mit GPS orientieren und diesem Weg ohne unliebsame Umwege folgen können.
Nebst den Herausforderungen auf dem Weg, beispielsweise streunende Hunde oder auch Hitze mit über 41 Grad in Griechenland, gab es weitere unliebsame Begebenheiten. So zwang sie ein Ermüdungsbruch am rechten Fuss zu einer sechswöchigen Pause, und nach sechs Monaten musste sie gar wegen eines Hundebisses in die Kniekehle nach Hause fliegen. Doch ein gutes halbes Jahr später machte sie sich mit Kraft und Zuversicht wieder auf den Weg, um die restlichen 2700 Kilometer unter die Füsse zu nehmen.
Welch ein unbeschreibliches Gefühl, als sie dann in Jerusalem nach dieser langen Pilgerzeit auf dem Ölberg mit der Himmelsfahrt-Kapelle stand! Sie konnte es selber kaum glauben und wähnte sich wie in einem Traum. Mit einem tiefen Gefühl der Liebe kehrte sie nach Hause zurück, nicht ohne den Weg mit einer letzten Etappe von Einsiedeln aus via Raten nach Baar zu beschliessen.
Schon das nächste Ziel vor Augen
Dass Rosanna Brusadelli die Besucher mit ihrer Geschichte im Herzen berührt hat, bezeugten diese mit langanhaltendem, warmem Applaus und mit zahlreichen Fragen, die sie an die Erzählerin hatten. Ob sie beispielweise als allein reisende Frau nie Angst gehabt und ob sie Visa für die Ländereinreisen gebraucht hätte, wie sie das Essen vertragen und wie viele Schuhe sie abgenützt habe oder welches die grössten Herausforderungen gewesen seien. Mit ihrer Offenheit hat die Pensionärin auch darauf geantwortet und wen wundert’s, dass diese sympathische Optimistin bereits ihr nächstes Projekt im Köcher hat!
Im November geht es für sie ein halbes Jahr in die Höhe nach Peru, wo sie in Lamud im Amazonasgebiet in einem Heim für ältere, armutsbetroffene und verwahrloste Menschen mitarbeiten wird. Umso erfreulicher, dass die sehr grosszügige Kollekte der Besucher des Vortrags in dieses Vorhaben einfliessen wird. Pater Aaron war es denn vergönnt, dieser aussergewöhnlichen Frau für diesen bewegenden Abend herzlich zu danken und sie bereits für ein nächstes Mal nach Einsiedeln einzuladen.
Das Buch «Zu Fuss nach Jerusalem» von Rosanna Brusadelli, in dem sie ihre 5000 Kilometer lange Pilgerreise auf spannende Art aufleben lässt, ist im Einsiedler Klosterladen erhältlich. Ein Teil vom Erlös geht an ihre sozialen Projekte, jetzt konkret an Peru.

Impressionen von der Pilgerreise
Die Karte der Pilgerreisen von Rosanna Brusadelli zeigt eindrücklich, wie viele Kilometer sie schon zurückgelegt hat.

Diese türkische Familie hat Rosanna Brusadelli (links) spontan ihr Zimmer für die Übernachtung zur Verfügung gestellt und schlief selber auf dem Sofa.

Bald ist es geschafft! Die in Einsiedeln gestartete Pilgerin auf dem letzten Aufstieg nach Jerusalem.

Das Ziel ist nach 5000 Kilometern und elf Monaten Pilgerreise erreicht: Rosanna Brusadelli glücklich vor der Himmelsfahrt-Kapelle auf dem Ölberg in Jerusalem.

Am Ziel angekommen besuchte Rosanna Brusadelli bekannte Sehenswürdigkeiten in der Umgebung, hier die Trennmauer nach Betlehem
