Die Glocken der Jugendkirche rufen Menschen zum Gottesdienst zusammen – an Sonntagen und unter derWoche, bei Taufen, Hochzeiten, Schulgottesdiensten, Beerdigungen und weiteren Gelegenheiten. Während 31 Jahren läutete jeweils nur eine kleine Glocke. 1980 wurden die vier neuen Glocken der Giesserei H. Rüetschi AG (Aarau) geweiht und in den Turm aufgezogen. Nachfolgend werden sie kurz vorgestellt.
Die grösste und tiefste Glocke
Die grösste und tiefste Glocke (Tonlage es, Gewicht 1220 kg) ist dem Kirchenpatron Sankt Wolfgang geweiht und trägt die Aufschrift: «Ich bin bereit, mich und das Meinige zu opfern, damit die Kirche erstarke.» Der heiligeWolfgang war bereit, sich in verschiedenen Aufgaben in den Dienst der Kirche zu stellen: als Leiter der Domschule in Trier, als Mönch, Lehrer und Priester in Einsiedeln, als Missionar in Ungarn sowie als Bischof von Regensburg. Er war bereit, materielle und persönliche Interessen für die Ausbreitung des Glaubens einzusetzen, und stimmte der Gründung des Bistum Prag zu, das von seinem Bistum Regensburg abgetrennt wurde.
Die Glocke, die zu seiner Ehre läutet, erinnert uns daran, dass wir alle von Gott unsere Berufung haben und eingeladen sind, diese Berufung Tag für Tag zu leben.
Die zweitgrösste Glocke
Die zweitgrösste Glocke (Tonlage ges, Gewicht 770 kg) ist die Muttergottes-Glocke. Die Aufschrift «Empfiehl uns deinem Sohne!» erinnert uns daran, wie nahe Maria ihrem Sohn steht. Für uns ist sie wie eine Mutter und Schwester im Glauben. Sie zeigt uns, was das Vertrauen in Jesus vermag. In einem modernenMarienlied heisst es: «Lass doch das Lied, das Maria uns lehrte, Brücke der Freude sein, die uns zu dir führt.»
Mit ‚Lied‘ ist das Magnificat gemeint (Lukas 1, 46-55), der Lobgesang Marias auf Gottes Handeln in ihrem Leben, auf sein Einstehen für die Kleinen und Geringen in der Welt wie auf seine Treue zu allen, die ihm vertrauen. Diese Botschaft ist wie eine Brücke zu Gott – eine Brücke, die nie abbricht, auch im Tod nicht. Das feiern wir am Hochfest Maria Himmelfahrt. Maria durfte als Erste erfahren, dass Gottes Treue auch im Tod trägt und durch den Tod zum Leben führt. Dieses Geheimnis unseres Glaubens ist auf dem Altarbild der Jugendkirche dargestellt.
Wenn die Glocke mit der Aufschrift «Empfiehl uns deinem Sohne» läutet, ermutigt sie uns, uns mit unseren Anliegen an Maria zu wenden, die wir bei ihrem Sohn glauben dürfen. Sie weiss, dass seine Treue trägt.
Die drittgrösste Glocke
Die drittgrösste Glocke (Tonlage as, Gewicht 520 kg) ist dem heiligen Bruder Klaus geweiht. «Gott wollt es also gehept han» steht auf dieser Glocke. Es ist ein historischer Ausspruch unseres Landespatrons Niklaus von Flüe und drückt seine radikale und tiefe Bereitschaft aus, sich auf Gottes Willen einzulassen. Wir beten in jedem Vaterunser ‘Dein Wille geschehe’ und drücken damit unsere Bereitschaft aus, auf Gottes Willen zu hören und danach zu leben.
Den wenigsten von uns wird es so konsequent gelingen wie Bruder Klaus. Aber auch er ist im Glauben gewachsen und nicht als Heiliger auf die Welt gekommen. Die Glocke, die ihm geweiht ist, ruft uns zu, in allem nach Gottes Willen zu fragen. Denn der heilige Bruder Klaus hat es erfahren: In Gott ist wahrer Friede zu finden.
Die viertgrösste Glocke
Die viertgrösste Glocke (Tonlage ces, Gewicht 330 kg) ist schliesslich dem heiligen Josef geweiht. Auf ihr finden wir den Spruch «Gib uns ein treu Geleite ins ewge Heimatland». Der heilige Josef ist der Patron der Sterbenden, weil die Tradition annimmt, dass er im Beisein von Jesus und Maria gestorben ist und sein Abschied als Sinnbild für einen «guten Tod» gilt.
Es gibt in Einsiedeln wohl keinen Tag, an dem nicht irgendein Mensch an einer schweren Krankheit mit offenem Ausgang erkrankt ist oder auf den Tod zugeht. Die Glocke ruft uns diese Menschen in Erinnerung und bittet uns, sie nicht zu vergessen, sie vielmehr im Gebet zu begleiten, was ihnen und ihren Angehörigen echten Trost und Halt geben kann.
Sie sagt uns auch, dass das Leben im Tod nicht an dieWand gefahren wird, sondern dort jene Tür findet, die Jesus uns in seiner Auferstehung geöffnet hat und die uns zur ewigen Heimat in Gott führt.
Das Glöcklein, das nur einmal jährlich läutet
Was ist mit der kleinsten Glocke, die als einzige noch von Hand geläutet wird und nur ein Mal im Jahr an Allerheiligen erklingt?
Die Glocke ist 345 Jahre alt und hing viele Jahre im Turm einer Kapelle, die an der Nordwestecke des Klosters stand. 1858 wurde die Kapelle abgerissen und ihr Material zum Bau des ehemaligen Spitals im Unterdorf verwendet. Die Glocke kam ins Türmlein der Kapelle im Alten Schulhaus und 1949 anlässlich der Weihe der Jugendkirche in den dortigen Turm. Sie trägt die (lateinische) Aufschrift: «Die Seelen der Gläubigen mögen in Frieden ruhen».
Die Glocken der Jugendkirche rufen zu verschiedenen Gottesdiensten in die Kirche. Sie tragen aber auch Fragen an uns heran, die zu beantworten sich lohnt: Was ist Dir in Deiner Berufung als Christin und Christ wichtig? Wo erfährst Du Gottes Treue? Wo findest Du in Deinem Leben Frieden? Ist Dir bewusst, dass Du Deine ewige Heimat einmal in Gott findest?
P. Basil Höfliger